VOM GLÜCK DER KOMPROMISSLOSEN EINFACHHEIT

Ganz Frankreich ist im 21. Jahrhundert angekommen.

Ganz Frankreich? Nein, ein kleines malerisches Dorf in der Champagne widersetzt sich hartnäckig.

In diesem Dorf steht das winzige Haus meiner Ur-Ur-Großeltern. Zwei Zimmer. Eine Küche (gleichzeitig auch Eingang und Wohnzimmer).

Würden sie heute für eine kurze Stippvisite wieder auf der Welt vorbeischauen, sie würden sich in ihrem Haus sofort wieder zurechtfinden, denn es hat sich kaum etwas verändert.

Die Wandfarbe vielleicht. Aber sonst nichts.

Foto: Altes "Waschbecken"

Foto: Das Körbchen gehörte meiner Ur-Großmutter. Ihre "Lunchbox" für die Schule.

Von Radio, Telefon oder Fernseher keine Spur. Heizung? Nope.

WLAN und Handynetz? Zwei große Fragezeichen.

Immerhin gibt es zwei Herdplatten in der Küche. Und fließend Wasser, sogar im Haus. Das ist neu und für meine Mutter immer noch nicht selbstverständlich, denn sie musste das Wasser zum Kochen und Waschen noch aus dem Dorfbrunnen holen. Bis der eines Tages gesperrt wurde, weil ein Mann seine Frau darin ertränkt hatte. Aus welchen Gründen blieb unbekannt. Aber ich glaube, das war der Tag, an dem sich das Dorf dazu entschied, sich an das öffentliche Wassernetz anschließen zu lassen.

So kamen wir auch zu einem Bad, das sich allerdings aus Platzgründen im ehemaligen Eselstall befindet. An sich kein Problem, nur der nächtliche Gang zum Klo führt einmal quer durch den Garten. Mit Taschenlampe natürlich, nix Außenbeleuchtung.

An der Stirnseite des Hauses steht eine riesige Scheune, in der mein Großvater noch seine Werkstatt hatte. Für Kinder ein Abenteuerspielplatz, denn vom sandigen Boden des Schuppens führt eine Treppe direkt in ein finsteres Kellergewölbe – früher der Kühlschrank, heute der perfekte Ort zum Gruseln. Und das liegt nicht an den zwetschgengroßen Spinnen. Weil die gibt es auch im Haus.

Foto: Die vier Bilder sind von meinem Großvater.

Drink am Pool nach Ankunft? Von wegen. Als erstes müssen die Löcher im Dach gestopft und der offene Kamin in der Küche angeschmissen werden, um den Feuchtigkeitsmief der letzten 365 Tage aus allen Ecken und Winkeln zu kriegen. Wenn dann der Wasserboiler zum Anspringen gebracht (jedes Jahr ein ‘Luft-Anhalten’-Moment) und genug Holz vom Nachbarn geholt wurde, alle Spinnweben entfernt und alle anderen größeren bis kleineren, alljährlichen und neuen Katastrophen im Griff sind, kann man vielleeeiiicht über ein Schlückchen Chablis aus der Gegend nachdenken (erschöpft. Sehr erschöpft).

Warum ich dort trotzdem jedes Jahr meine Sommerferien verbringe? Ich liebe es aus tiefstem Herzen.

Ich liebe es, in diese Welt einzutauchen, in der die Zeit stehen geblieben ist, die so fernab von Immer-Schneller und Immer-Perfekter ist, in die Welt meiner Kindheitserinnerungen und in eine Welt, deren Einfachheit für mich besonders ist.

Foto: Pflaumen-Regenbogen.

Foto: Pflaumen-Regenbogen im Glas. Stillleben mit Salatschleuder.

Ich liebe es, in diesem Dorf, in dem schon Generationen vor mir ihr Leben – nicht nur ihre Ferien – verbracht haben, zum bloßen Sein zurückzukommen. Ein Dorf, in dem jede Ecke Geschichten erzählen kann. Zum Beispiel vom Landstreicher Paul, der seine Frau Jeanette – mit der er über Jahre hinweg in Vallières in einem Verschlag gehaust hat – angeblich beim Poker gewonnen hat (nein, das war nicht der mit der Frau im Dorfbrunnen).

Oder von der kleinen Sarah, die, schon immer naturverbunden, abends die Kühe der Bauern von der Weide geholt hat. Einmal hat sie den Überblick verloren und sieben Kühe vergessen. Natürlich sind die nicht einfach dort stehen geblieben, sondern haben ihre neue Freiheit ausgiebig genossen. Es brauchte das ganze Dorf, um sie wieder einzufangen.

Ich liebe die Ursprünglichkeit, diese Art zu leben, die von meinem Alltag genauso weit weg ist, wie dort der nächste Supermarkt. Und wenn ich mal keine Lust habe, die zehn Kilometer Fahrt auf mich zu nehmen, warte ich einfach darauf, dass der Einkauf zu mir kommt: Dreimal pro Woche fährt der Bäcker durchs Dorf, einmal pro Woche der Metzger.

Es geht auch so.

Vielleicht genieße ich die Aus-Zeit dort auch deshalb so sehr, weil ich weiß, dass ich in meine vollvernetzte Welt zurückkehren kann.

Foto: Die besten Äpfel der Welt. Natürlich geklaut.

Und in der bin ich jetzt wieder. Und spinne immer wieder einen Gedanken. Wie wäre es für ein Jahr dort komplett zu leben? Was würde ich dort tun? Einen riesigen Gemüsegarten anlegen! Viele Blumen pflanzen!

Mir die anderen Jahreszeiten anschauen. Ich kenne dort nur den August. Wie sieht es im Februar dort aus? Im Oktober? Es ist kalt. Ach ja genau - es gibt keine Heizung.

Dann wohl doch wieder nur im August. Bis nächstes Jahr.

Abendessen hier!

Frühstück dort!

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