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Tistou mit dem grünen Daumen

Maurice Druon

dtv Verlag

Sagt Nein zum Krieg – aber sagt es mit Blumen.

Der kleine Tistou ist ein außergewöhnliches Kind. Anders als andere Kinder. So anders, dass er, obwohl weder dumm noch faul, schon nach drei Tagen in der Schule wieder nach Hause geschickt wird, weil er im Unterricht immer einschläft. Die etwas ratlosen Eltern beschließen, ihn in die Schule des Lebens zu schicken, schließlich soll er doch einmal die Kanonenfabrik seines Vaters übernehmen.

An der Seite von Herrn Trommelpfiff, die rechte Hand des Vaters in der Fabrik, soll er lernen, was Gesetz und Ordnung heißt, und begegnet zum ersten Mal in seinem bis dahin sorglosen Leben den weniger schönen Seiten der Erwachsenenwelt: Dem Gefängnis, dem Armenviertel und dem Krankenhaus der Stadt Kimmelkorn. Wobei man dazu sagen muss, dass Kimmelkorn im Großen und Ganzen mit Wohlstand von der Waffenfabrik profitiert. (Der aufmerksame Leser bemerkt hier den ersten Widerspruch in der vermeintlich heilen Erwachsenenwelt). Neben Herrn Trommelpfiff, einem strengen Lehrer, wird Tistou auch zu Herrn Schnurrebarbe, dem Gärtner, in die Lehre geschickt. Ein Unterricht, der ihm wesentlich mehr liegt, denn Schnurrebarbe entdeckt sein außergewöhnliches Talent: Seinen grünen Daumen. Und natürlich wäre diese Geschichte nicht so eine wunderbare Geschichte, wenn der grüne Daumen nicht Symbolcharakter mit enormer Wirkungskraft hätte – Tistou kann mit seiner Gabe im sprichwörtliche Sinne jede Ecke, jede traurige Hütte oder noch so öden Winkel in ein prächtiges Blumenmeer verwandeln. 

Die Schule des Lebens bleibt nicht ohne Wirkung auf den Jungen. Mit dem unverstellten Blick unschuldiger Kinderaugen deckt er sofort Missstände auf: „Wenn das Gefängnis nicht so hässlich wäre, würden die Gefangenen vielleicht gar nicht versuchen davonzulaufen“ und „Ich habe gelernt, dass die Medizin nicht viel helfen kann, wenn das Herz traurig ist. Und ich hab gelernt, dass man Lust zum Leben haben muss, wenn man gesund werden will“. Um die Welt schöner zu machen, greift er beherzt mit seinen grünen Daumen ein.

Das größte Wunder vollbringt er – und das ist die eigentliche Botschaft dieses Buches – als zwischen den Staaten der Komm-Hers und den Geh-Wegs ein Krieg ausbricht. Mit größtem Unverständnis über die Nachricht, dass beide Parteien von der Waffenfabrik seines Vaters beliefert werden, schreitet Tistou zum Äußersten. Denn unterm Strich sieht es so aus, dass „eine Kanone von Kimmelkorn gegen die andere Kanone von Kimmelkorn schießen und die Gärten auf beiden Seiten zu Staub zerschmettern würde“, eine ebenso sinnlose wie absurde Situation. Nebenbei der zweite Widerspruch in der vermeintlich heilen Erwachsenenwelt und irgendwie aus dem wahren Leben gegriffen. Ob und wie es Tistou gelingt, den drohenden Krieg zu verhindern, sei hier nicht verraten. 

Mit diesem Buch, geschrieben 1956, ist dem mehrfach ausgezeichneten französischen Schriftsteller Maurice Druon ein äußerst feinsinniges Werk mit quasi zeitloser Aktualität gelungen. Seine Botschaft „Sagt Nein zum Krieg – aber sagt es mit Blumen“ könnte man als Vorreiter des berühmten „Make Love not War“ der einige Jahre später aufblühenden Hippiebewegung verstehen. Leider hat sie nichts an Gültigkeit verloren, denn weniger Kriege gibt es trotzdem nicht. Druons Appell für den Frieden in der Welt wird oft mit dem Kleinen Prinzen verglichen. Ich denke, dass diese Geschichte im Gewand eines Kinderbuches ähnlich wie die des kleinen Prinzen eigentlich für Erwachsene geschrieben wurde, um ihnen durch die noch unverdorbene Kindersicht auf die Dinge einen Spiegel vorzuhalten und die vermeintlich allgemeingültige Erwachsenensicht zu hinterfragen. 

Ein großes JA zu diesem Buch, auch zu den liebevollen Illustrationen von Jacqueline Duhême.